Wegzugssteuer (§ 6 AStG): wann die Wegzugsbesteuerung greift und was sie auslöst
Wer mindestens 1 % an einer Kapitalgesellschaft hält und Deutschland verlässt, wird so besteuert, als hätte er die Anteile am Tag des Wegzugs verkauft, ohne dass Geld geflossen ist.
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Was die Wegzugsbesteuerung überhaupt ist
Der Wegzug wird einer Veräußerung gleichgestellt: Es wird ein Gewinn besteuert, den niemand vereinnahmt hat.
§ 6 des Außensteuergesetzes stellt bestimmte Vorgänge dem Verkauf von Anteilen zum gemeinen Wert gleich. Es fließt kein Geld, die Beteiligung bleibt bestehen, trotzdem entsteht eine Steuer auf die Differenz zwischen Anschaffungskosten und heutigem Wert.
Dem Verkauf gleichgestellt sind nach dem Gesetzestext drei Vorgänge:
- Die Beendigung der unbeschränkten Steuerpflicht durch Aufgabe von Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthalt
- Die unentgeltliche Übertragung der Anteile auf eine Person, die nicht unbeschränkt steuerpflichtig ist, also etwa eine Schenkung an ein im Ausland lebendes Kind
- Der Ausschluss oder die Beschränkung des deutschen Besteuerungsrechts an dem Gewinn aus der Veräußerung
Der dritte Punkt wird regelmäßig übersehen. Er greift auch ohne Umzug, etwa wenn sich durch eine Umstrukturierung oder ein Abkommen das Besteuerungsrecht verschiebt.
Wer betroffen ist, und wer nicht
Betroffen sind Beteiligungen ab 1 %; wer nur breit gestreute Aktien hält, fällt nicht unter § 6 AStG. Für große Fondspositionen gilt seit 2025 § 19 Abs. 3 InvStG.
Die Norm knüpft an Anteile im Sinne des § 17 EStG an. Dort ist die Schwelle klar: Erfasst ist, wer innerhalb der letzten fünf Jahre unmittelbar oder mittelbar zu mindestens 1 Prozent am Kapital einer Kapitalgesellschaft beteiligt war. Anteile in diesem Sinne sind unter anderem GmbH-Anteile, Aktien und Genussscheine.
Dazu kommt eine persönliche Voraussetzung: Erfasst sind natürliche Personen, die innerhalb der letzten zwölf Jahre vor dem Wegzug insgesamt mindestens sieben Jahre unbeschränkt steuerpflichtig waren. Wer kürzer in Deutschland gelebt hat, fällt nicht darunter. Bei unentgeltlich erworbenen Anteilen werden die Zeiten der Rechtsvorgänger mitgerechnet.
Was besteuert wird
Bemessungsgrundlage ist der gemeine Wert der Anteile am Tag des Wegzugs abzüglich der Anschaffungskosten.
Die Anteile gelten als zum gemeinen Wert veräußert. Der Unterschied zu den Anschaffungskosten ist der fiktive Veräußerungsgewinn. Bei einer selbst gegründeten GmbH mit 25.000 Euro Stammkapital und einem heutigen Unternehmenswert im Millionenbereich ist der Abstand entsprechend groß, und die Steuer fällt auf einen Betrag an, der nie auf einem Konto war.
Wie der gemeine Wert zu ermitteln ist, ist der eigentliche Streitpunkt jedes Verfahrens. Er hängt an Bewertungsmethode, Ertragslage und Vergleichsdaten, und genau daran entscheidet sich die Höhe.
Den Wegzug aus Deutschland oder Österreich vorbereiten, mit dem Steuerberater als Gegenüber.
- PDFThe Relocation Protocol
- XLSXBetroffenheits-Check
- XLSXVermögensaufstellung
- XLSXZeitplan Wegzug
- XLSXAufenthaltstage
- XLSXFragen Steuerberater
Ratenzahlung: sieben Jahre, in der Regel gegen Sicherheit
Die Steuer kann auf Antrag in sieben gleichen Jahresraten gezahlt werden, zinslos, aber üblicherweise nur gegen Sicherheitsleistung.
Nach § 6 Abs. 4 AStG kann die festgesetzte Steuer auf Antrag in sieben gleichen Jahresraten entrichtet werden. Dem Antrag ist in der Regel nur gegen Sicherheitsleistung stattzugeben. Die erste Rate ist innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe des Steuerbescheids fällig, die weiteren jeweils am 31. Juli der Folgejahre. Verzinst werden die Raten nicht.
Die noch offene Steuer wird innerhalb eines Monats fällig, wenn einer dieser Fälle eintritt:
- Eine Jahresrate wird nicht fristgerecht gezahlt
- Die Mitwirkungspflichten gegenüber dem Finanzamt werden verletzt
- Der Steuerpflichtige meldet Insolvenz an
- Die Anteile werden veräußert oder übertragen
- Ausschüttungen oder Einlagenrückgewähr überschreiten insgesamt ein Viertel des Werts, der der Besteuerung zugrunde lag
Der letzte Punkt trifft in der Praxis am häufigsten: Wer nach dem Wegzug größere Beträge aus der Gesellschaft entnimmt, zieht damit die gesamte Reststeuer in die Fälligkeit.
Rückkehr innerhalb von sieben Jahren
Kehrt jemand innerhalb von sieben Jahren zurück, entfällt der Steueranspruch rückwirkend, unter drei Bedingungen.
Beruht der Wegzug auf einer nur vorübergehenden Abwesenheit und wird die Person innerhalb von sieben Jahren wieder unbeschränkt steuerpflichtig, entfällt der Anspruch. Voraussetzung ist, dass die Anteile in der Zwischenzeit weder veräußert noch übertragen noch in ein Betriebsvermögen eingelegt wurden, dass Ausschüttungen und Einlagenrückgewähr zusammen nicht mehr als ein Viertel des maßgeblichen Werts ausmachen und dass das deutsche Besteuerungsrecht mindestens im ursprünglichen Umfang wieder entsteht.
Die Frist kann das Finanzamt auf Antrag um höchstens fünf weitere Jahre verlängern, wenn die Rückkehrabsicht unverändert fortbesteht. Zusammen sind das bis zu zwölf Jahre.
0Wegzugstag
4 Regeln gelten
Erfasst bist du, wenn du in den letzten zwölf Jahren vor dem Wegzug insgesamt mindestens sieben Jahre unbeschränkt steuerpflichtig warst. Bei geschenkten oder geerbten Anteilen zählen die Zeiten der Vorgänger mit.
§ 6 Abs. 2 AStGBetroffen sind Anteile an einer Kapitalgesellschaft, an deren Kapital du in den letzten fünf Jahren unmittelbar oder mittelbar zu mindestens 1 Prozent beteiligt warst.
§ 17 Abs. 1 EStGSeit 2025 gilt die Wegzugsbesteuerung auch für Investmentfonds, wenn die Summe der steuerpflichtigen Gewinne positiv ist und deine Anschaffungskosten an einem Fonds mindestens 500.000 Euro betragen oder du in den letzten fünf Jahren mindestens 1 Prozent seiner Anteile gehalten hast.
§ 19 Abs. 3 InvStGAm Wegzugstag gelten die Anteile als zum gemeinen Wert veräußert. Besteuert wird der Unterschied zu den Anschaffungskosten, obwohl kein Geld fließt.
§ 6 AStGAuf Antrag zahlst du die Steuer in sieben gleichen Jahresraten, zinslos und in der Regel gegen Sicherheit. Die erste ist innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe des Bescheids fällig, die weiteren jeweils am 31. Juli der Folgejahre.
§ 6 Abs. 4 AStGSolange du Raten oder eine Stundung in Anspruch nimmst, teilst du dem Finanzamt jährlich bis zum 31. Juli deine Anschrift mit und bestätigst, dass dir die Anteile weiterhin zuzurechnen sind.
§ 6 Abs. 5 AStGDie noch offene Steuer wird innerhalb eines Monats fällig, wenn eine Rate nicht fristgerecht gezahlt wird, du Mitwirkungspflichten verletzt, Insolvenz anmeldest, die Anteile veräußerst oder überträgst oder wenn Ausschüttungen und Einlagenrückgewähr zusammen ein Viertel des Werts übersteigen, der der Besteuerung zugrunde lag.
§ 6 Abs. 4 AStGWirst du nach einer nur vorübergehenden Abwesenheit innerhalb von sieben Jahren wieder unbeschränkt steuerpflichtig, entfällt der Steueranspruch rückwirkend, wenn drei Bedingungen erfüllt sind.
- Die Anteile wurden in der Zwischenzeit weder veräußert noch übertragen noch in ein Betriebsvermögen eingelegt.
- Ausschüttungen und Einlagenrückgewähr machen zusammen nicht mehr als ein Viertel des maßgeblichen Werts aus.
- Das deutsche Besteuerungsrecht entsteht mindestens im ursprünglichen Umfang wieder.
Auf Antrag kann das Finanzamt die Frist um höchstens fünf Jahre verlängern, wenn die Rückkehrabsicht unverändert fortbesteht. Zusammen sind das bis zu zwölf Jahre.
§ 6 AStGIm Rückkehrfall entfallen die Jahresraten auf Antrag, und der Zahlungsaufschub richtet sich nach der Frist, die das Finanzamt einräumt.
§ 6 AStGUnter bestimmten Voraussetzungen greift Deutschland nach dem Wegzug weiter zu als nur auf die deutschen Einkünfte, und zwar bis zum Ablauf von zehn Jahren nach Ende des Wegzugsjahres.
§ 2 AStGSchematische Achse in Jahren um den Wegzugstag. Wann der Bescheid kommt, hängt am Verfahren, gezeichnet ist er ein Jahr nach dem Wegzug. Die Achse ordnet ein, sie ersetzt keine Beratung.
Warum die Reihenfolge über die Höhe entscheidet
Die Wegzugssteuer bemisst sich am Wert zum Zeitpunkt des Wegzugs, jedes Jahr Wachstum davor erhöht sie.
Die Norm bestraft nicht den Wegzug, sondern den späten Wegzug. Wer eine Struktur aufbaut, während er noch unbeschränkt steuerpflichtig ist, lässt den Wert in Deutschland entstehen, und trägt ihn beim Wegzug als Bemessungsgrundlage.
Deshalb gehört die Frage nach dem Wegzug an den Anfang jeder Strukturüberlegung und nicht ans Ende. Wer sie erst stellt, wenn die Gesellschaft etwas wert ist, hat den teuersten aller Zeitpunkte gewählt.
Ist-Aufnahme, Engpässe, belastbare Reihenfolge. Kein Verkaufsgespräch mit vorgefertigtem Ergebnis.
Häufige Fragen
Ab welcher Beteiligung greift die Wegzugsbesteuerung?
Ab 1 Prozent am Kapital einer Kapitalgesellschaft, wenn diese Beteiligung innerhalb der letzten fünf Jahre bestand (§ 17 Abs. 1 EStG). Darunter greift § 6 AStG nicht. Für Investmentfonds gilt seit 2025 eine eigene Regel mit eigenen Schwellen in § 19 Abs. 3 InvStG.
Muss ich sieben Jahre in Deutschland gelebt haben?
Erfasst sind natürliche Personen, die innerhalb der letzten zwölf Jahre insgesamt mindestens sieben Jahre unbeschränkt steuerpflichtig waren. Bei unentgeltlich erworbenen Anteilen zählen die Zeiten der Rechtsvorgänger mit.
Kann ich die Steuer stunden lassen?
Auf Antrag in sieben gleichen Jahresraten, zinslos, in der Regel nur gegen Sicherheitsleistung. Erste Rate einen Monat nach Bekanntgabe des Bescheids, danach jeweils am 31. Juli.
Was passiert, wenn ich zurückkomme?
Bei Rückkehr innerhalb von sieben Jahren entfällt der Steueranspruch, wenn die Anteile unverändert gehalten wurden, Ausschüttungen ein Viertel des Werts nicht überschritten haben und das deutsche Besteuerungsrecht wieder besteht. Die Frist ist auf Antrag um bis zu fünf Jahre verlängerbar.
Gilt die Wegzugsbesteuerung auch ohne Umzug?
Ja. Auch die unentgeltliche Übertragung auf eine nicht unbeschränkt steuerpflichtige Person und der Ausschluss oder die Beschränkung des deutschen Besteuerungsrechts lösen sie aus.
Dieser Leitfaden ordnet ein und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Anforderungen, Grenzen und Fristen ändern sich; maßgeblich ist der Stand zum Zeitpunkt deiner Entscheidung.